Leseprobe aus "Der Dreiundvierzigjährige, der aus der Haustür trat und spazieren ging!

Schengen!

 

Die wilden Karpaten. Ein Reiseziel, welches in den Augen meiner Mutter vor allem Gefahren versprach. Ich hatte ihr blöderweise in einem Telefonat von der Wahl meines Urlaubsziels erzählt. Man würde mir Auto, Geld, Pass und eine Niere stehlen und mich dann zum Sterben in einen Straßengraben werfen. Was ich natürlich für ausgemachten Quatsch hielt. Davon abgesehen fuhr ich ja in die Karpaten und trieb mich nicht in irgendwelchen übel verleumdeten Vierteln Bukarests herum. Aber Mütter haben ja oft mehr Ängste als manch ein Dresdener. Allerdings beginne ich immer, kurz bevor es losgeht, zu googeln. So fütterte ich dieses Mal die Suchmaschine mit den beiden Begriffen ‚Rumänien‘ und ‚Bären‘. Der Artikel ‚Bärenangriffe in Rumänien häufen sich‘, der gleich als Erstes auf meinem Bildschirm auftauchte, zwang mich sogleich in den Outdoorladen, wo ich ein Bärenabwehrspray und eine Broschüre mit Tipps für eine eventuelle Begegnung mit Meister Petz erstand. Sicher ist sicher. Zusätzlich hatte ich zum Schutz auch noch meine Freundin dabei. Blöderweise kam sie mir aber auf der Hinfahrt abhanden, was später zu unserer Trennung führen sollte. Es ging um das, was sie Gerechtigkeitsempfinden nennt und ich Starrsinn.

Wir standen bereits eine halbe Stunde in der Autoschlange an der österreichisch-ungarischen Grenze und ich bat meine Begleiterin zum wiederholten Male, mir doch bitte ihren Ausweis zu reichen.

„Schengen“, knurrte sie, die Arme vor der Brust verschränkt.

„Was?“

„Ich brauch keinen Ausweis. Ist eine EU-Grenze. Schengen.“

„Schatz, bitte“, versuchte ich abermals. Ich wurde langsam hibbelig, vor uns waren nur noch drei Fahrzeuge, dann würden wir bei dem Schnurrbärtigen mit dem strengen Blick ankommen.

„Die sehen das aber wohl anders. Gibst du mir jetzt bitte deinen Ausweis.“

„Tss, nein.“

„Schatz, wir sind gleich dran“, flehte ich, die schweißnasse Hand um meinen Personalausweis verkrampft.

„Was kontrollieren die hier denn eigentlich? Wer ist denn so blöd und flieht von Österreich nach Ungarn? Zu diesem rechten Reaktionär!“

„Das ist mir scheißegal!“, fuhr ich sie halblaut an, „du gibst mir jetzt deinen Ausweis!“

„Nein. Die dürfen mich gar nicht kontrollieren.“

Ich verdrehte die Augen zur Fahrzeugdecke, um dann nahtlos zu einem freundlichen Lächeln zu wechseln. Wir waren an dem Zollhäuschen angelangt. Ich reichte dem Mann meinen Ausweis durch das Fenster.

„Und die Dame?“, erkundigte sich der Grenzer.

„Und die Dame zeigt ihren Ausweis nicht her, weil sie EU-Bürgerin ist.“

„Was?“, brachte der Mann hinter der Glasscheibe verblüfft hervor.

„Schengener Abkommen? Schon mal gehört? Nix Grenzkontrolle, nix Ausweis“, motzte meine Begleiterin und imitierte dabei auch noch den Akzent des Grenzkontrolleurs.

Ich zog sie nochmal am Ärmel.

„Bitte, bitte, gib ihm halt deinen Ausweis. Ist doch keine große Sache.“

„Nein.“

Mittlerweile stand ein Polizist neben meinem Wagen und bedeutete mir, dass ich auf den Parkplatz vor der Zollstation fahren sollte.

„Du brauchst gar nicht so zu schauen. Ich kämpfe hier für unsere Rechte, du Schlappschwanz!“

Ich parkte das Auto, zwei Beamte kamen sogleich an die Beifahrertür und baten meine Freundin auszusteigen. Als sei dem nicht nachkam, öffneten die Beamten die Tür, packten sie unter den verschränkten Armen und bugsierten sie mit einer Mischung aus Schleifen und Ziehen zur Tür der Zollstation. Eine Weile hörte man noch das immer leiser werdende Brüllen der Furie.

„Lasst mich los!“

„Schengen, ihr Arschlöcher!“

„Ich möchte anmerken, dass ich hier gewaltlosen Widerstand praktiziere!“

„Ich habe Rechte“

„Schengen!“

„Schengen!“

„Schengen!“

„Schengen!“

Ich seufzte, machte ein ratloses Schulterzucken zu dem Polizisten auf meiner Seite des Fahrzeugs, stieg dann ebenfalls aus und zeigte ihm, nicht ganz freiwillig, den Inhalt meines Automobils. Ich seufzte abermals, zündete mir eine Zigarette an und gab dem Mann neben mir auch eine ab. Dann noch zwei.

„Wie geht es denn jetzt weiter?“, fragte ich.

„Sie können ihre Reise fortsetzen.“

„Und meine, äh, Freundin?“

„Die behalten wir noch ein paar Stunden hier und dann wird sie abgeschoben.“

Ich beschloss also, den Rest der Reise allein anzutreten. Ich war wütend, sollte sie doch alleine im Gefängnis schmoren.

„Kann ich bei Ihnen eine Nachricht für sie hinterlassen?“, fragte ich den Grenzer. Der nickte und ich schrieb ein paar Zeilen in mein Notizbuch, riss die Seite heraus, faltete sie und gab sie dem Beamten.

„Hallo Spatz. Ich bin alleine weitergefahren. Warum bist du immer so unvernünftig? Naja, wir sehen uns ja in einer Woche.“

Durch die Verzögerung kam ich erst spät nachts in der angemieteten Ferienwohnung in einem Dorf nahe Hermannstadt an. Das alte Ehepaar, das nebenan wohnte und mich mit Unterkunft und Essen versorgte, war meinetwegen aber aufgeblieben.

„Wo Frau?“, fragte der Mann besorgt.

„Ist, äh, ja, krankgeworden“, murmelte ich.

Man bat mich, Platz zu nehmen, stellte sogleich ein Schnapsglas vor mir ab und klopfte mir mitfühlend auf die Schulter. Es sollte die nächsten Stunden noch des Öfteren mit Selbstgebrandtem gefüllt werden. Trotz der späten Stunde machte sich die Frau sogar noch daran, mein Abendmahl zuzubereiten. Kredenzt wurde mir ein halbes Dutzend Schnitzel, Pommes Frites, Ketchup und der Hinweis, das wäre alles für mich. Wobei das Ketchup zu gleichen Teilen aus Tomaten und Knoblauch zu bestehen schien. In den folgenden Tagen stellte ich fest, dass dem Rumänen Knoblauch sehr wichtig ist, ich meinte sogar aus der zum Frühstück gereichten Marmelade das Knollengewächs herauszuschmecken. Die Frage nach Vampiren verkniff ich mir aber und fragte stattdessen, ob es denn hier Bären gäbe.

„Bären viele“, wurde ich informiert. Und auch, dass diese oft von den Bergen herunterkämen. Wegen der Beeren. Der Stock mit dem langen Nagel an einem Ende wurde mir jedoch vor allem wegen der Straßenhunde anempfohlen.

Solchermaßen vorgewarnt besichtigte ich zuerst die in der Umgebung liegenden Städte Hermannstadt und Schässburg, bevor ich mich anschickte, den einen oder anderen Gipfel zu erwandern. Bald wusste ich auch, warum sich Schauermären um die Karpaten rankten. Verließ man das sonnenbeschienene Tal, fand man sich in tiefen, von dichten Nebelschwaden durchfluteten Wäldern wieder, alles wirkte eine Spur düsterer und mystischer als in heimischen Gehölzen. Ich wäre kaum überrascht gewesen, wenn einer der knorrigen Bäume am Wegesrand das Wort an mich gerichtet hätte. Oder hinter einer Wegbiegung ein Bär oder ein Wolf auf mich warten würde. Das war der Moment, in dem mir einfiel, dass mein Bärenabwehrspray schön säuberlich in meinem Kulturbeutel lag. Und dieser in meinem Zimmer. Ich beschloss trotzdem, die breite, leicht ansteigende Schotterstraße zu verlassen und stattdessen einem abzweigenden Trampelpfad zu folgen, der steil Richtung Gipfel wies. Nach einigen Hundert Meter bog ich um eine Kurve, blieb abrupt stehen und dachte:

„Ach du Scheiße, ein Bär.“

Der wenige Meter vor mir stehende Braunbär schnaubte. Was tun? Das Abwehrspray nicht dabei, das Handbuch in meinem Rucksack hatte ich natürlich noch nicht gelesen und ich hatte nichts, was ich dem Bären entgegensetzen konnte. Meine Freundin hätte dem Vieh sicherlich gehörig eingeheizt, aber die saß ja in einem ungarischen Verließ. Ich sagte so ruhig wie möglich „Geh weg“ und „Gscht“. Der Bär schnaubte. Als Kind hatte ich mal einen Miniaturbären, der wohlig brummte, wenn man ihn nach hinten lehnte. War das eine Option? Da war noch der Film mit Leonardo DiCaprio, den ich vor kurzem gesehen hatte und in dem dieser in der gleichen Situation war. Also sich einfach anfallen lassen, ein paar Tage röchelnd in einem Erdloch liegen und dann nach Hause robben? Aber das klang ebenso schmerzhaft wie anstrengend. Meister Petz stellte sich währenddessen auf die Hinterbeine und hob bedrohlich die Tatzen. „Das wars dann also“, dachte ich, dann senkte ich den Kopf, zog die Schultern nach oben, schloss die Augen, blies die Backen auf und pustete tief durch. Lange passierte nichts. Ich muss wohl minutenlang so dagestanden haben, ehe ich es wagte, die Augen wieder zu öffnen. Der Bär war verschwunden.

Nun mag sich der eine oder andere fragen, was wohl der Bär dachte. Nun, das erfordert lediglich einen Perspektivwechsel zum allwissenden Erzähler.

Der Bär trottete auf der Suche nach Beeren durch den Wald als er plötzlich erschrak.

„Vai de mine, un om!“, dachte er.

Der allwissende Erzähler kann natürlich rumänisch und übersetzt gerne.

„Ach du Scheiße, ein Mensch!“, dachte er. „Was mach ich denn jetzt?“

Er schnaubte „Geh weg“ und „Gscht“, aber der Mensch schien nicht zu verstehen und stand einfach dumm da. Er stand auf und hob die Tatzen, um damit anzuzeigen, dass von ihm keine Gefahr ausginge. Außerdem könnte ihn der Mensch ja am Bauch kraulen oder nach hinten lehnen. Das mochte er doch so gerne. Stattdessen schloss der Mensch die Augen und schnaubte seinerseits. Die Schnaps- und Koblauchwolke, die daraus entstand, trieb dem Bären die Tränen in die Augen und ihn dann in die Flucht.

Wir wechseln nun zurück in die Perspektive unseres Protagonisten, der schnellen Schrittes den Berg herabeilte und dankbar den Schnaps herabstürzte, der ihm zur Begrüßung von seinen Zimmerwirten gereicht wurde.

Ich bat meine Gastgeber, mir keine weiteren Wanderungen mehr zu empfehlen, was könne man hier sonst noch anschauen. Mir wurde die Burg Bran ans Herz gelegt, dort solle Vlad Tepes, auch Dracula genannt, gelebt haben, das historische Vorbild für Bram Stokers Grusel-Grafen. Überhaupt warb man gerne mit dem Langzahn. In diesem Haus wurde er geboren, dort hat er mal übernachtet, hier hat er mal ein Eis gegessen, an diesem Baum hat er sich gerne erleichtert.

Auf dem Parkplatz unter dem steilen Felsen, auf dem die Burg thronte, schwante mir schon Schlimmes. Mehrere Reisebusse standen dort mit Aufschriften wir „Karpatendeutsche Oberösterreich“ oder „Siebenbürger Kulturverein Graz“. Als ich oben in Draculas Burg ankam, in der entgegen aller Behauptungen der Fürst nur einmal übernachtet hatte, wusste ich, dass die Besichtigung länger dauern würde. Ein Rentnerheer hatte sich keuchend in die engen Treppen der Burg ergossen und diese waren nun so verstopft, wie die A8 an einem Freitagnachmittag. Besonders, wenn Einheimische es wagten, die Stufen in Gegenrichtung zu benutzen, wurde lautstark geschimpft. „Von wos kennan se die denn eigentlich den Eintritt leisten?“ „Worscheinlich hobms des bei uns daböttelt.“ „Wos mochan die do, i hob docht, mir waran allein in dera Burg“, wurde meist abfällig ausgespien. Zur Einsicht, dass alle anderen jünger, fitter und von geringerem Körperumfang waren und somit sie der Grund der Stauungen, gelangte keiner der Wutrentner. Wenn ich selbst die verachtenden Augenblitze in dem Faltenmehr passierte, hatte ich schon Angst, dass eine oder andere Gebiss würde nach mit schnappen. Auch auf den Balkonen, von denen man die Aussicht auf den Schlosshof oder die umliegenden Berge genießen konnte, zitterten vom Gekeife der Alten. Man wagte es dort, sich gegenseitig oder selbst zu fotografieren und zu diesem Zweck stehenzubleiben. „De mit eanane scheiß Sölfisteckan! Do kummst ja nimma vurwärts! Wann de se mit eanane Steckan ned glei schleichan, donn brich es eana ob, dem Gsindel.“ Man hatte früher hier gelebt, viele wohl noch unter dem Kaiser, man betrachtete das Land immer noch als seinen Besitz. Ich fühlte mich an eine Stelle in dem Roman „Die Arbeit der Nacht“ von Thomas Glavinic erinnert. Dort erklärt jemand, warum kleine Hunde oft auf viel größere Artgenossen losgingen. Schuld daran wäre die Verzüchtung. Die Rasse des Hundes wäre einst eine weit größere gewesen, im Bewusstsein des Hundes hatte sich jedoch noch nicht festgesetzt, dass er nicht mehr neunzig Zentimeter von der Schulter bis zur Pfote maß. Der kleine Hund glaubt also, er wäre noch groß. Mit den Österreichern verhalte es sich wie mit diesen Hunden. Aber vielleicht ist das auch unfair. Möglicherweise verhielten sich Rentnerrudel bestehend aus Donauschwaben aus München oder Siebenbürger Sachsen aus Stuttgart ähnlich. Ich kaufte noch einen Dracula-Wackeldackel als Versöhnungsgeschenk und stand am Nachmittag des darauffolgenden Tages bereits wieder an der Ungarisch-Österreichischen Grenze, als mir einfiel, dass ich meine Freundin vergessen hatte anzurufen. Sie teilte mir mit, sie sei mit dem Zug nach Hause gefahren und dass sie mir die Augen auskratze, wagte ich es je wieder in ihre Nähe. Trotzdem fuhr ich zu Hause als Erstes bei ihrem Haus vor. Aus der Gegensprechanlage kam nur „Gscht“ und „Geh weg“. Ich wartete eine Weile und witschte dann hinter einem anderen Hausbewohner durch die Eingangstür und hämmerte mit den Fäusten gegen ihre Wohnungstür. Sie musste doch zur Vernunft zu bringen sein. Als mir schon die Hände weh taten, öffnete sie dann doch. „Interessant“, dachte ich mir „warum schwingt sie ihr Bein so komisch nach hinten.“ Kurz darauf lag ich japsend am Boden, da angesprochenes Extremität zwischen meine Beine geschwungen war. Als ich sie abermals ausholen sah, erinnerte ich mich an das Bärenabwehrspray, dass ich seit meiner Raubtierbegegnung griffbereit in der Jackentasche trug. Als ich davonrobbte, dämmerte mir langsam, dass die Beziehung zwischen uns wohl doch zu Ende war. Und dass es wirklich wichtig ist, sich vor Gefahren zu schützen.