Darf man das? Erfahrungsbericht eines Guerilla-Lesers

Am Anfang steht da ja immer eine Idee. Wir sassen in einer Runde zusammen und kamen auf das Thema Guerilla Gardening. Da zündeten sie, die Synapsen und sie war da, die Idee: Guerilla Lesungen.
Ein wenig  schlotterten die Knie schon. Ich war also im Begriff, es wirklich zu tun. Eine Guerilla-Lesung im Discountsupermarkt. Was würde mich erwarten? Würde man mich des Marktes verweisen? War es eigentlich legal, so etwas im sozialen Netzwerk anzukündigen? Würde man am Ende gar die Polizei rufen? Die aufkommende Panik versuchte ich mit Nikotin zu betäuben, was jedoch nur ungenügend funktionierte. Ich sah es schon vor mir: Ich in einem fensterlosen Raum, in dem nur ein karger Holztisch und ein Stuhl stehen. Und während mir der nette Bulle einen Kaffee holen geht, wirft mir der andere den Aschenbecher an den Kopf. Blut tropft aus der Platzwunde an meiner Stirn.
Vor dem Supermarkt hatten sich schon ein paar meiner Gäste eingefunden. Ein kurzer Blick auf die Uhr. Noch fünf Minuten. Eine letzte Zigarette in Freiheit und dann hinein. Das war es dann also. Eine Lesung aus den Werken berühmter Alkoholiker vor dem Schnapsregal eines Discounters. Mein Beitrag zum bundesweiten Tag des Vorlesens.
Leider war die Lesung in der Nische zwischen Schnaps- und Weinregal, die ich zuvor ausgekundschaftet hatte, nicht möglich. Die Tür zum Personalbereich, die anderntags geschlossen war, stand nun offen. Wenn ich im Weg stand, wäre die Show wohl noch schneller gelaufen, als ich vermutete. Also auf die andere Seite es Spirituosenregals. Ich kramte meine Bücher aus meiner Umhängetasche und legte sie auf der Zuckerpalette ab. Dies war insofern auch passend, da mich  ein stadtbekannter Trinker einige Tage zuvor ob meines fragenden Blickes über seine Praktik aufgeklärt hatte. Wenn man sich eine hin und wieder Handvoll Zucker in den Mund warf, so gelänge der Alkohol schneller in die Blutbahn.
Mein Publikum schlich derweil noch verstohlen zwischen den Regalen umher. Vielleicht hatten sie gleichfalls Angst vor dem reaktionären Bullen mit dem Aschenbecher. Ich sprach ein paar Willkommensworte, woraufhin die Zuhörer langsam aus Ecken auftauchten wie Untote in einem Zombiefilm. Ich eröffnete mit Baudelaire, einer wirklich veritablen Saufnase. "Der Wein des Trinkers" erntete nur verhaltenen Applaus. So ein Aschenbecherwurf schmerzt ganz schön, das schüttelt man halt nicht so einfach ab. Aber: Keine Reaktion des Personals. Ich warf Janosch´s Zitat "Vögel wollen fliegen, Polen wollen saufen" in den Raum und begann aus "Polski Blues" vorzulesen. Den Satz "Der dünne, was höchstes vierzig Prozent hat für die Leute. Viele Leute vertragen ja nicht den guten Schnaps mit achzig Prozent.", nahm ein rotnasiges Hutzelmännchen zum Anlass, sich zwei Flaschen mit dem besungenen Getränks aus dem Regal zu angeln. Er tat es schnell und geduckt. Da stand jemand mit einem Buch. Womöglich ist dieser bissig, ansteckend oder anderweitig gefährlich. Wieder Applaus. Sonst nichts. Kein "Verlassen sie bitte das Geschäft". Kein Einsatzfahrzeug vor der Tür. Ja, noch nicht einmal ein "Was machen sie denn da" erntete ich. Einmal wurde ein Karton mitten durch die Zuhörer geschoben, aber das war dann auch wohl eher Geschäftsalltag denn eine bewusste Störung meines Vortrags. Möglicherweise war das Personal in deeskalierendem Verhalten geschult. Oder sie beherzigten den Rat, den Donald Berkenhoff bei einer Lesung zum Thema Geister im Theater anbot: "Einfach nicht kucken. Nichts ist blöder, als wenn man in einem Zimmer steht, den Kopf unterm Arm, und keiner kuckt." Ich ließ dann noch Steinbeck, Bukowski und Hemingway folgen und endete mit einem Zitat von T.C. Boyle: "Wenn der Fluss voll Whiskey wär dann müsst ich keinen kaufen, ich könnte dann ne Ente sein und würd beim Schwimmen saufen."
Ich kaufte dann noch ein paar Lebensmittel, die man mir trotz des formidablen Unterhaltungsprogramms berechnete und wanderte etwas enttäuscht nach Hause. Nicht auf Widerstand zu treffen, nahm dem Ganzen völlig das subversive Element. Wo kämen wir denn hin, wenn alle das täten? Obwohl. Interessant wäre das schon. Metzgergeschichten bei der Wurst, "Der alte Mann und das Meer" bei den Fischstäbchen. Und da keimte auch schon die nächste Idee.

 

Fortsetzung folgt

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Kommentare: 1
  • #1

    Lisa (Donnerstag, 12 Dezember 2013 19:34)

    Nice. Schade, dass ich dieser schönen Aktion nicht beiwohnen konnte. Aber wenn du mal den Amberger Netto stürmst, sag bescheid.